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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Insolvenzen 2004



Silvia
02.01.2005, 10:47
WIESBADEN – Für das Jahr 2004 erwartet das Statistische Bundesamt rund 39 000 Unternehmensinsolvenzen, 48 000 Verbraucherinsolvenzen und 30 000 Insolvenzen von anderen Schuldnern wie ehemals selbstständig Tätigen, Gesellschaftern größerer Unter­nehmen und Nachlässen. Damit läge die Zahl der Unternehmensinsolvenzen geringfügig unter dem Vorjahresniveau (39 320). Die Verbraucherinsolvenzen stiegen dagegen um über 40% (2003: 33 609) und die der anderen Schuldner um rund 8% (2003: 27 794). Die starke Zunahme der Verbraucherinsolvenzen steht auch im Zusammenhang mit der Ende 2001 geschaffenen Möglichkeit, die Verfahrenskosten stunden zu lassen. Der Anstieg ist deshalb nicht allein als Ausdruck einer aktuellen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Verbraucher zu werten.»


Toll haben sie das formuliert, die Experten vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Besonders der letzte Satz springt förmlich ins Auge und wenn alles gut geht,von da aus ins Hirn,zumeist löst es dort leichte Verwirrung aus. Also noch mal lesen:



«Die Verbraucherinsolvenzen stiegen dagegen um über 40%. Die starke Zunahme der Verbraucherinsolvenzen steht auch im Zusammenhang mit der Ende 2001 geschaffenen Möglichkeit, die Verfahrenskosten stunden zu lassen. Der Anstieg ist deshalb nicht allein als Ausdruck einer aktuellen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Verbraucher zu werten.»



Also ich dachte immer, dass Insolvenz etwas mit Schulden und Zahlungsungsunfähigkeit zu tun hat. Also auf gut Deutsch, wenn jemand PLEITE ist.
Es wird doch wohl niemand so bescheuert sein, einen Insolvenzantrag zu stellen, nur weil er sich die Gebühren stunden lassen kann.

Oder etwa doch??

Felsenbirne
02.01.2005, 11:28
Es gibt immer mehrere Seiten von der man etwas sehen kann.

So wie es Leute gibt und gab die sich selbst zur EV über Strohmänner bestellen lassen um damit anschließend gute Karten für Vergleiche zu haben, so wird es sicher diese in der Statistik mögliche Fälle geben.

Aber ob das in % anzugeben ist, wage ich zu bezweifeln.

Nachdenker
07.01.2005, 11:52
hallo hallo, einmal nachdenken bitte,

all die schuldners die sich vorm 01.12.01 kein insoverfahren leisten konnten, weil sie die kosten nicht aufbringen konnten, die tauchen erst jetzt in der statistik der eröffneten (!) verfahren auf.
d.h., dieser satz hat durchaus seine berechtigung, weil viele der jetzt eröffneten insos auch bereits vor einigen jahren zahlungsunfähig waren und eben nicht ins verfahren kamen, mangels masse abgelehnt wurden oder es erst gar nicht versucht haben. insofenr sagt so ne statistik nichts aus.

spartacus
07.01.2005, 13:51
48 000 Verbraucherinsolvenzen sind gemessen an der Zahl der überschuldeten Haushalte und Personen ein Witz. Beinahe eine Mio. Eidesstattliche Versicherungen und rund 10 Mio. Vollstreckungsbescheide jährlich, das sind doch die Realitäten.

Das gesamte Restschuldbefreiungsverfahren für Verbraucher ist noch viel zu bürokratisch ist, hier sollte nachgebessert werden, vereinfacht werden, zugänglicher gemacht werden, meinetwegen auch ein Restschuldbefreiungsantrag gleich beim Gerichtsvollzieher nach der EV, das funkt in anderen Ländern ja auch vortrefflich.

Alternativ sollte über eine deutliche Kürzung der Verjährungsfrist von (selbst titulierter) "Konsumschulden" nachgedacht werden.

boris_hb
08.01.2005, 00:33
Also ich dachte immer, dass Insolvenz etwas mit Schulden und Zahlungsungsunfähigkeit zu tun hat. Also auf gut Deutsch, wenn jemand PLEITE ist.
Es wird doch wohl niemand so bescheuert sein, einen Insolvenzantrag zu stellen, nur weil er sich die Gebühren stunden lassen kann. Oder etwa doch??
Moment, Du siehst da was falsch. Vor der Möglichkeit der Stundung KONNTE man überhaupt kein Verbraucherinsolvenzverfahren eröffnen. Die Eröffnung wäre mangels Masse abgelehnt worden -weil nicht mal genug Geld da wäre, die Verfahrenskosten zu zahlen. Wie gesagt, es war keine frage des Wollens, sondern des Könnens/Dürfens. Das war absurd: Wer pleite war, durfte keine Insolvenz machen, weil er eben kein Geld für dass verfahren hatte. Bei Pleite-leuten ist das irgendwie kein Wunder ;)

Diesen groben Schnitzer hat man glücklicherweise schnell beseitigt und die Stundungsmöglichkeit geschaffen. Dann kamen die Anstiege.

Übrigens ist auch das noch interessant: Dort, wo besonders offensiv Schuldnerberatung angeboten wird, ist die Zahl der Verfahren auch höher. Das heißt: Je bekannter die Möglichkeit der Insolvenz wird, umso mehr wird sie logischerweise genutzt. Die Steigerungsraten haben sicher auch damit zu tun (und damit, dass das Thema endlich kein Tabu mehr ist und sich die Betroffenen mit viel weniger Scham als früher damit beschäftien).

Es ist also nicht korrekt, von der steigenden Verfahrenszahl auf eine allgemein sich vershclechternde wirtschaftliche Situation zu schließen.

spartacus
08.01.2005, 02:22
Vor Einführung des Kostenstundung gab es andere Wege, nur von denen ist heute naturgemäß keine Rede mehr. Zudem waren in den Anfangsjahren des Restschuldbefreiungsverfahrnes die Medien noch sehr zurückhaltend, es hat also seine Zeit gebraucht, bis WISO + Co, ARD, ZDF, RTL usw. über diese Möglichkeit für Verbraucher im großen Stil berichtet haben und längst nicht jeder, der heute ein Verbraucherinsolvenz-/Restschuldbefreiungsverfahren beantragt, ist auch völlig mittellos, ganz im Gegenteil. Insolvenzverfahren finden Sie heute eben nicht nur unter der Schicht der Armen, der Sozialhilfebeziehern oder Geringverdiener, die finden Sie auch im gehobenen Stand. Da geht’s dann teils um ganz andere Sümmchen und die wirtschaftlichen Gegebenheiten sind auch ganz andere. Vielleicht hat ja auch die Noblesse unserer Zeit dieses "Entschuldungsverfahren" längst für sich entdeckt.

Ich kenne so einige Sozialhilfeempfänger (oder nunmehr AGL II) die trotz jahrelanger Überschuldung und trotz der Stundungsmöglichkeiten keinen Zugang zum Entschuldungsverfahren haben, aber einige die gut in Lohn und Brot stehen und diesen Weg wählen und gehen.

Wie sagte neulich so ein schwarzer Volksverbrecher ganz trefflich "Entschuldung darf es in Zukunft nicht mehr umsonst geben".

Ist Ihnen klar was damit gemeint war ?