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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eskalation der Besinnlichkeit



boris_hb
06.12.2004, 13:19
Montag, 7. Oktober. Altweiber-Sommer. Noch einmal sieht man die Menschen in T-Shirts und Sandalen in den Straßencafés und Biergärten. Bisher keine besonderen Vorkommnisse in der Innenstadt. Dann plötzlich um 10.47 Uhr kommt der Befehl von ALDI - Geschäftsführer Ulf M.: "Fünf Paletten Lebkuchen und Spekulatius in den Eingangsbereich!"

Von nun an überschlagen sich die Ereignisse: Zunächst reagiert PLUS - Geschäftsführer Martin O. eher halbherzig mit einem erweiterten Kerzensortiment und Marzipankartoffeln an der Kasse. 15.07 Uhr: EDEKA - Marktleiter Wilhelm T. hat die kurze Mittagspause genutzt und operiert mit Lametta und Tannengrün in der Wurstauslage. 16.02 Uhr: Die Filialen von PENNY und IHRKAUF bekommen Kenntnis von der Offensive, können aber aufgrund von Lieferschwierigkeiten nicht gegenhalten und fordern ein Weihnachtsstillstands - Abkommen bis zum 10. Oktober. Die Gespräche bleiben ohne Ergebnis.

Dienstag, 8. Oktober. 7.30 Uhr: Im Eingangsbereich von KARSTADT bezieht überraschend ein Esel mit Rentierschlitten Stellung, während zwei Weihnachtsmänner vom studentischen Nikolausdienst vorbeihastende Schulkinder zu ihren Weihnachtswünschen verhören. Zeitgleich erscheint die Kaufhausfassade im gleißenden Schein von 260.000 Elektrokerzen. Die geschockte Konkurrenz kann zunächst nur ohnmächtig zuschauen. Immerhin haben jetzt auch SPAR und real den Ernst der Lage erkannt.

Mittwoch, 9. Oktober. 9.00 Uhr: EDEKA setzt Krippenfiguren ins Gemüse. 9.12 Uhr: PLUS kontert mit massivem Einsatz von Rauschgoldengeln im Tiefkühlregal. 10.05 Uhr: Bei IHRKAUF verirren sich dutzende Kunden im Wald von Weihnachtsbäumen. 12.00 Uhr: Neue Dienstanweisung bei real: An der Kasse wird mit sofortiger Wirkung ein "Frohes Fest" gewünscht. Der SPAR - Markt kündigt für den Nachmittag Vergeltungsmaßnahmen an.

Donnerstag, 10. Oktober. 7.00 Uhr: KARSTADT schaufelt Kunstschnee in die Schaufenster. 8.00 Uhr: In einer eilig einberufenen Krisenversammlung fordert der aufgebrachte PENNY - Geschäftsführer Walter T. von seinen Mitarbeitern voller Nachdruck "Weihnachten bis zum Äußersten" und verfügt den pausenlosen Einsatz der von der Konkurrenz gefürchteten CD "Weihnachten mit Mireille Matthieu" über alle Deckenlautsprecher. Der Nachmittag bleibt ansonsten ruhig.

Freitag, 11. Oktober. 8.00 Uhr: Anwohner der Ladenstraße versuchen mit Hilfe einer einstweiligen Verfügung die nun auch vom SPAR - Markt angedrohte Musikoffensive "Heiligabend mit den Flippers" zu stoppen. 9.14 Uhr: Ein ALDI - Sattelschlepper mit Pfeffernüssen rammt den Posaunenchor "Adveniat", der gerade vor KARSTADT zum großen Weihnachtsoratorium ansetzen wollte. 9.30 Uhr: ALDI dementiert: es habe sich bei dieser Ladung nicht um Pfeffernüsse, sondern um Christbaumkugeln gehandelt.

Sonnabend, 12. Oktober. Die Fronten verhärten sich; die Strategien werden zunehmend aggressiver. 10.37 Uhr: Auf einem Polizeirevier meldet sich die Diabetikerin Anna K. und gibt aufgeregt zu Protokoll, sie sei eben gerade auf dem IHRKAUF - Parkplatz zur kostenlosen Probe von Glühwein und Christstollen gezwungen worden. Die Beamten sind ratlos. 12.00 Uhr: Seit gut einer halben Stunde beschießen KARSTADT, EDEKA und real die Fußgängerzone mit Schneekanonen. Das Ordnungsamt mahnt die Räum- und Streupflicht an. Umsonst! 14.30 Uhr: Teile der Innenstadt sind unpassierbar. Eine Hubschrauberstaffel des Bundesgrenzschutzes beginnt mit der Bergung von Eingeschlossenen: Menschen wie Du und ich, die nur noch mal in der schönen Herbstsonne bummeln wollten.



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