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Thema: Durch Schulden krank: Versuch der Analyse/ Möglichkeiten z. Verbesserung d. Situation

  1. #1
    konsumbefreit Gast

    Standard Durch Schulden krank: Versuch der Analyse/ Möglichkeiten z. Verbesserung d. Situation

    Hallo und Moin!

    Ich habe das Gefühl, dass hier immer öfter Menschen auftauchen, die völlig an der Realität vorbei leben und durch ihre Schuldensituation völlig traumatisiert sind. Sie sind überfordert, haben keine Perspektive und sind vermutlich depressiv.
    Schön, dass sie hier her finden und Rat suchen. Es ist auch immer schön, wenn Feedback kommt. Das ermuntert den Antwortenden und gibt ihm Bestätigung, dass er tatsächlich Hilfe leisten kann.

    Wie kommt es aber zustande, dass der Fragesteller nachtritt, aggressiv wird und beleidigt das Weite sucht?
    Ist das krank? Sind das "schlechte" Menschen? Haben sie einen engstirnigen und eindimensionalen Horizont?
    Grundsätzlich ist es leicht, über andere (negativ) zu urteilen, wenn man in der besseren Situation ist. Vermutlich ist das der Umkehrschluss aus Sozialneid.

    Kommt eine Hilfestellung, die dem TE nicht passt, wird gestänkert, dazu finden sich dann mindestens zwei bis drei Trittbrettfahrer, die kräftig mitstänkern.
    Der TE fühlt sich mit seiner "Verteidigung" im Recht, er hat ja Beistand. Nur hilft ihm das nicht die Bohne...


    Wie kommt diese depressive Grundhaltung zustande?

    Mit entsprechendem Abstand kann ich bestätigen, dass ich mich selbst bis vor einigen Jahren in genau solch einer Situation befunden habe. Im Alter von ca. 18 - 35 Jahren habe ich mein Leben systematisch an der Realität vorbei gelebt und nur die Symthome bekämpft.
    Mir war der Grund der Situation, nämlich die restlose Überschuldung, bekannt. Nur konnte ich ihn damals nicht angehen.

    Zum einen fehlte mir mit ca. 18 - 20 Jahren einfach der geistige Horizont. Ich hatte eine anfangs nicht sehr gute Einkommenssituation, wollte aber grosse Autos fahren. Damit fing alles an.
    Sehr schnell verlor ich den Überblick, Mahnbescheide, Vollstreckungsbescheide, Gerichtsvollzieher, sogar sieben oder acht Haftbefehle (wegen falsch Parkens und nicht entrichteter Gebühr) gab es.
    Gelernt habe ich daraus trotzdem nicht.

    Ein gewisser Standard musste sein, alles andere war meiner unwürdig.
    Parallel dazu spürte ich langsam, dass es mir schlechter ging. Die Leute um mich herum waren beim "Party machen" entspannter, lockerer, konnten leben... ich hatte ständig die Angst vor Gerichtsvollzieher & Co. vor Augen.
    ich erinnere mich daran, wie die Haftbefehle über einen Zeitraum von ca. acht Monaten offen waren: Ich bezog Sozialhilfe, hatte schon lange kein Konto mehr und habe mein Geld monatlich bar von der Stadtverwaltung bar abgeholt. Ich sass im Stadtbus, neben mir stand ein Streifenwagen. Der Polizist schaute hoch, ich weg... ich hatte pure Angst. Es ging alles glatt. Meine Lehre daraus? Keine.... weiter nichts tun.

    Irgendwann lernte ich meine Frau kennen, es ging auch da alles in die Hose... denn sie war noch schlimmer als ich.
    Es war zwar befreiend, zum Monatsanfang wie Bonnie und Clyde im Sechszylinder- Automatikschlitten mit 235 km/h nachts über die Autobahn zu brettern (zumindest für damalige Verhältnisse), aber auch da wünschte ich mir nichts mehr, als ein unauffälliges Spießerleben führen zu dürfen.
    Die Chance dazu? Null...

    Dann kam die Möglichkeit zur Privatinsolvenz. Tolle Sache, dachte ich mir. Ich fand um 2001 dieses Forum, las viel über die kleinen netten Fallstricke und fehlenden Erfahrungswerte der Gerichte, Möglichkeiten der Gläubiger, usw.
    Ich wollte die Inso unbedingt, was hielt mich ab? Angst, mein "tolles" Auto aufgeben zu müssen, Angst, spartanisch leben zu müssen. Wie dämlich...

    Wie ich als Mensch auf meine Umwelt gewirkt haben muss, weiss ich jetzt. Ich kann es in teilen nachvollziehen. Einige, die mir treu geblieben sind, haben es mir später erzählt... teils zehn Jahre später. ich muss ihnen dankbar sein, dass sie mich begleitet haben. ich weiss nicht, ob ich genauso hätte handeln können.
    Ich kann mir mein eigenes Verhalten nicht verzeihen... wie sollte ich das tun, wenn sich ein anderer mir gegenüber so benimmt wie ich es tat? Knabbern tu´ ich heute noch daran.

    Dazu kamen die gesundheitlichen Probleme. ich war irgendwann ein seelisches Wrack. Dünnhäutig, aggressiv, eindimensional, schwarz-weiss- Denker. Ich war der kleine da unten, der stets ungerecht und herablassend behandelt wurde. Alle anderen waren Schuld.
    ich wollte respektvoll behandelt und geliebt werden... nur war dass, was ich dem gegenüber präsentierte, das stumpfe Gegenteil von dem. Ich konnte nicht anders.

    Schnitt.
    Der Auftrieb kam vor ein paar Jahren: Neues Umfeld, Schuldnerberatung (ein nicht zu unterschätzender Dienst, den die Damen und Herren bieten, auch aus psychologischer Sicht), Psychologe und medizinische ReHa.
    Mit alledem wurde mein Zähler auf null gestellt. Tatsächlich war alles neu. ich sprudelte vor Energie, konnte ruhig schlafen (ohne Tabletten), hatte kleine und grosse Erfolgserlebnisse.
    Dann kam alles Schlag auf Schlag: Inso,Berufliche ReHa, neue Freundin (eine ganz klasse Frau), mit ihrem Kind kam ich klasse aus. Dann verstarb meine Exfrau, mein Sohn endlich wieder bei mir. Betrachtet man die positiven Aspekte aus letzterem, ist das alles noch immer ein schöner Traum für mich. Ich fasse es gar nicht, dass man so glücklichsein kann... obwohl sich mein drumherum nicht so sehr geändert hat. es ist eine simple aber elementare Kopfsache...

    Mein Anliegen an die, die am Boden liegen: Sucht euch Hilfe. Überwindet Euch. Raus aus dem Loch. Schuldnerberatung, wenn Inso, dann zügig. Ihr werdet sehen, was sich tut. Geht die Sache selbstbewusst und offensiv an. Ich habe nur offene Türen eingerannt (bis auf die der Banken) und ich fand viel Bestätigung.
    Alles andere ist nicht lebenswert und Ihr geht daran zugrunde.

    Vielleicht mag der ein oder andere etwas dazu schreiben und seine Gefühle während der "harten" Zeit schildern... und vielleicht mögen auch die, die einem Ausweg gefunden haben, schreiben, wie sie den Weg zurück fanden.
    Es würde mich freuen, wenn hier nach und nach eine kleine Sammlung an Erfahrungsberichten reift und diese als Ansporn für andere wirken könnte.

  2. #2
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    Standard

    Ich denke, so ziemlich jeder hier kann ähnliches schildern, mal mehr oder weniger stark. Der Knoten platzte erst mit Eröffnung der Inso. Vorher ging es mir wohl so wie Dir, zeitweise falle ich auch noch zurück, wenn der Druck zu hoch wird.

    Der Umgangston in Foren ist im Allgemeinen recht rau, das ist nicht nur hier so, das ist überall zu jedem Thema das selbe. Oft ist auch das Problem, dass geschriebene Worte gern anders aufgefasst werden als gesprochene. Die Mimik fehlt, Informationen werden knapp gegeben, das wird als Unfreundlichkeite oder mangelndes Einfühlungsvermögen interpretiert. Hier ist aber nunmal keinem geholfen, wenn man ihn seitenlang bemitleidet. Es kommen unterschiedliche Informationen zusammen, man muss sich die nützlichen rauspicken. Ist man dazu nicht in der Lage, muss man sich die Frage stellen, ob so ein Forum in diesem Moment wirklich weiterhelfen kann oder ob man sich erstmal real Hilfe sucht, um sein Leben zu ordnen. Dabei kann in einem Forum nunmal niemand helfen.

    Ich neige zum schwarz-weiß-sehen und werde dabei wohl auch mal ungerecht. Aber ich kann nunmal nur Dinge beurteilen, die jemand hier über sich preis gibt. Ich schmücke nicht aus und rede nicht um den heißen Brei. Das mag manchmal harsch klingen, ist aber keinesfalls so gemeint (da ist es wieder, das Problem der geschriebenen Worte). Und pampt dann jemand völlig unsachlich herum, werde ich grätig. Trifft man dann auf jemanden, der aufgrund seiner Psyche eh schon angeschlagen ist, dann eskaliert das schnell.

    Schulden können depressiv machen, Depressionen können eine Ursache für Schulden sein...Wie auch immer, hier treffen Leute aufeinander, die angeschlagen sind, überempfindlich, aggressiv, traurig, verzweifelt und hoffnungslos, aber auch viele, die das hinter sich haben und wieder auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Da ist es doch nachvollziehbar, wenn es knallt.

  3. #3
    konsumbefreit Gast

    Standard

    Danke für Deinen Beitrag

    Zitat Zitat von FinLaure Beitrag anzeigen
    (...)

    Ich neige zum schwarz-weiß-sehen (...)
    Genau DAS stelle ich bei mir auch noch immer fest.
    Allerdings werte ich dies als mehr oder minder nachvollziehbare Reaktion auf das Erlebte.
    Der Weg von der "Normalität" in die Überschuldung hatte einige Abschnitte, heute reagiere ich um so eher panisch darauf, wenn die Lage durch irgendwelche Umstände auch nur ansatzweise wieder in diese Richtung gelenkt wird.

    Letztendlich aber ein gutes Zeichen - und die Gewissheit, dass sich das Bewusstsein geändert und geschärft hat.

  4. #4
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    Früher neigte ich zum Schönreden. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Dinge werden beim Namen genannt, auch wenn es weh tut. Damit ist man sicher nicht der beliebteste Schüler in der Klasse, aber über kurz oder lang wohl der mit den wenigsten Schulden in der Zukunft

  5. #5
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    Das klingt überaus vernünftig.

  6. #6
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    Kommt meiner Meinung nach auch vor allem auf die mentale Struktur an

    In meinem Bekanntenkreis gibts Leute die sind hochverschuldet haben EV / P Konto etc pp und sind trotzdem ausgeprägte Frohnaturen haben sich eingestellt und sehen die Situation sehr gelassen

    Andere schieben schon bei einer Zahlungserinnerung im Briefkasten einen Depro und sind schlecht gelaunt
    Ex Inkasso MA - keine juristischen Fachkenntnisse

  7. #7
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    Wie kommt es aber zustande, dass der Fragesteller nachtritt, aggressiv wird und beleidigt das Weite sucht?
    Ich beobachte das auch sehr häufig. Gerade in Zusammenhang mit dem Verdrängen von Problemen. Man kann nun das Ganze als Schutzhaltung benennen. Wie auch immer es psychologisch genannt wird. Im Endeffekt ist es ganz einfach: Das Nicht-Wahrhaben der Schwere der eigenen Probleme, das Nicht-Hören der gewünschten Antworten und das unmögliche Finger-Schnipsen zum verschwinden der Probleme führt dann dazu, dass man schnell aggressiv wird.

    Das Problem ist aber auch, dass man mit bunten Schmetterlingen oft genug die Situation nicht beschreiben kann. Und oft genug braucht es einfach klare Worte, damit der Schuldner auch wirklich den Ernst der Lage kapiert. Bei einem persönlichen Gespräch, wo der Schuldner nicht so schnell "abhauen" kann und auch nicht "in der Anonymität des Internets" versteckt ist, reagiert er womöglich anders. Aber helfen tut ihm nur, wenn er klar aufgezeigt bekommt, wo er steht, wo er sich drum kümmern muss und welche Schritte man ihm empfehlen kann. Will er das nicht hören, ja, dann ist er im Forum falsch.

    Schuldnerberatung (ein nicht zu unterschätzender Dienst, den die Damen und Herren bieten, auch aus psychologischer Sicht),
    Und das ist ein Punkt, der vor allem durch das persönliche Gespräch und das In-die-Augen-Schauen überhaupt erst möglich wird. Das kannst du in einem quasi-anonymen Forum nie leiden. Wenn du hier jemanden antriffst, der seine Lebenskrise beichtet, der mit der Situation als solches überfordert ist, kannst du ihm noch zwei drei gezielte Tipps für kurzfristige Lösung an die Hand geben, aber du kannst ihm nie das ersetzen, was ein Therapeuth oder auch "nur" der Schuldnerberater im persönlichen Gespräch erledigen. Selbst wenn du exakt die gleichen Worte wählst: Forum-Kommunikation ist etwas völlig anderes als ein persönliches Gespräch. Deswegen sind auch manchmal reine Telefonberatungen nicht hilfreich. Es ist immer eine Distanz dabei.

  8. #8
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    Moin

    Jetzt schreibe ich hier ja doch ....

    Zitat Zitat von thehellion Beitrag anzeigen
    In meinem Bekanntenkreis gibts Leute die sind hochverschuldet haben EV / P Konto etc pp und sind trotzdem ausgeprägte Frohnaturen haben sich eingestellt und sehen die Situation sehr gelassen
    Frohnaturen können also keine psychischen Probleme haben? Dass Du Dich mal nicht blenden lässt.

    Allgemein:
    Therapeuten sagen, und ich stimme zu, JEDER Mensch hat irgendein Thema, dass man angehen kann (Ängste, Verhaltensmuster, Lauen, unterschwellige Agressionen, etc). Die Regel ist, dass man es angehen soll, wenn das Thema im täglichen Leben zum Problem wird. Wer stets kontrollieren muss ob er die Haustür abgeschlossen hat mag ein bißchen zwanghaft sein (und dafür wird es Gründe geben), wenn es aber nur dass ist und die Person sonst nicht im Leben stört, kann man es auch hinnehmen.

    Therapie führt nur zum Erfolg, wenn die Person das Problem von alleine als solches erkennt und es angehen will.

  9. #9
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    Zitat Zitat von fsb hildesheim Beitrag anzeigen
    Moin

    Jetzt schreibe ich hier ja doch ....



    Frohnaturen können also keine psychischen Probleme haben? Dass Du Dich mal nicht blenden lässt.

    .
    Problemlos ist zwar niemand aber ich weiss was Du meinst

    Die "Pleitegeier" die ich kenne kommen übrigens meistens aus der Warentermin bzw Inkassobranche sind tatsächlich - meiner Meinung nach - ungespielte Frohnaturen

    Schuldentechnisch abgehärtet ( Sogenannte abgebrühte Schuldner )

    Einer ist finanziell gut situiert ist aber trotzdem nie gut drauf ( ständiger beziehungsstress) :-//

    Glaube Geld bzw Schulden ist immer nur ein kleiner Teil der facette eines menschen
    Geändert von thehellion (28.06.2014 um 14:19 Uhr)
    Ex Inkasso MA - keine juristischen Fachkenntnisse

  10. #10
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    Zitat Zitat von thehellion Beitrag anzeigen
    Die "Pleitegeier" die ich kenne kommen übrigens meistens aus der Warentermin bzw Inkassobranche sind tatsächlich - meiner Meinung nach - ungespielte Frohnaturen
    Nein nein. Auch Frohnaturen können (!) ganz ausgewachsene Probleme haben. Das hat nichts mit Vorspielen zu tun. Ich will Dir ja nicht einreden, dass Deine Bekannten ein Problem haben - nur sagen, dass man es am Frohsinn auch nicht unbedingt ablesen kann.

    Die meisten Meschen düften durch Schulden wenn dann eher depressiv oder aggressiv werden. Das stimmt nicht unbedingt für die Betrachtung der anderen Richtung - Schulden durch Psyche.

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