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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Frust los werden... oder sollen wir es Tagebuch nennen?



Selbständig74
13.06.2014, 20:54
Hallo liebe Forengemeinde,

Seit dem 22.04.2014 bin ich im vorläufigen Insolvenzverfahren. Die Schuldenberatung meinte, dass ich mir keine Sorgen machen soll - ein befreundeter Rechtspfleger sagte mir, dass ich mir keine Sorgen machen soll - alles wird gut.

Ich habe eine Insolvenzverwalterin bekommen, die dafür bekannt war, dass sie Betriebe rettet - Stand 23.04. alles wird gut. Das erste Telefonat mit der Insolvenzverwalterin absolut positiv - sie macht mir Mut - das persönliche Gefühl, dass alles gut wird ist echt da. Ich bin glücklich, dass ich den Schritt in die Regelinsolvenz gegangen bin.

25.04. - die Insolvenzverwalterin betritt meine Geschäftsräume - ein anstrengendes Gespräch - 2,5 Stunden ein quasi Nacktmachen vor 2 Menschen, die doch gefühlt nur das Beste von dir wollen - das Geld.

Abends noch ein nettes Gespräch bei Bier und Steak mit dem befreundeten Rechtspfleger - alles wird gut.

Eigentlich sind mir im Gespräch schon erste Zweifel gekommen, weil die Insolvenzverwalterin, die angeblich jeder Planinsolvenz so offen gegenüber stehen soll gesagt hat, dass sie als Ausweg nur eine übertragende Sanierung sieht.

Wir reden von einem Schuldenbetrag von ca. 60.000 € - in den drei Monaten, in denen es Insolvenzgeld gibt, werden Rechnungen in Höhe von ca. 65.000 € geschrieben - selbst wenn da Kosten runter gehen, wäre meiner Meinung nach eine gute Quote für eine Planinsolvenz gegeben.

Die Insolvenzverwalterin sagt im Gespräch, dass da maximal 20.000 € nach 3 Monaten über bleiben... Ich frage mich, wie sie 45.000 € verbraten will - die Frage stelle ich mir noch heute.

Dennoch - voller Hoffnung schicke ich ihr Mails und Vorschläge, wie man die laufenden Lohnkosten noch mal um 30-40% senken kann, ohne nennenswerte Einnahmeverluste.

Aber - das interessiert nicht.

Zwischendurch frage ich mal nach, wie es denn ihrer Meinung nach aussieht - Antwort: total schlecht - die Lohnkosten fressen sie auf - sie machen viel zu wenig Umsatz. Ich schicke Rentabilitätsplanung hinterher, erwähne nochmals die Möglichkeiten Lohnkosten (die eine Hauptkostenquelle sind) verringern können.

Sie sagt - ohne fremde Hilfe komme ich nicht klar. Nach meiner Berechnung bleibt sogar unter ungünstigen Umständen noch monatlich 2.000 € über - aber das interessiert nicht.
Zweifel kommen auf, ob sie wirklich die beste Insolvenzverwalterin ist.

Mittlerweile sind wir dann Ende Mai - das Insolvenzgeld wurde für 1 Monat beantragt und bewilligt. Alles ist bisher gut gelaufen - persönlich kommt das Gefühl: "Alles wird gut" wieder in mir auf - wäre da nicht...

... Die Firmenkasse ist leer. 2 Fahrzeuge müssen betankt werden - das würde komplett 150,00 € kosten - Also Büro der Insolvenzverwalterin anrufen - ich brauche Kohle.

1,5 Wochen später bekomme ich das Geld - überwiesen auf das Konto einer Verwandten, weil mein P-Konto durch den Unterhalt (der arg verspätet kommt ausgelastet ist) und sonst keine andere Möglichkeit gegeben ist. Sagenhaft 100 €.
Ein Fahrzeug wird voll getankt - 20 € bleiben noch für das nächste Fahrzeug.

Ich schreibe sofort eine Mail an die Insolvenzverwalterin -wir kommen damit bis Ende der Woche hin - aber dann ist Tankgeld notwendig.

Reaktion - keine.

Wie durch ein Wunder habe ich mich durch eine Woche durchschleppen können - lag vielleicht auch daran, dass ich ein vorhandenes Notstromaggregat vom Sprit befreit habe, und das in den Tank gekippt habe.

Unbedarf öffne ich zu Hause den Briefkasten - ah - die Kfz-Versicherung wurde gekündigt wegen Nichtbezahlung.

Dazu folgender Hinweis...

Am 19.04. hatte ich 480 € an einen Bekannten gegeben, dass er doch bitte das Geld an die Versicherung überweist.
Am 25.04. wurde das Geld zurück gebucht - falsche IBAN (Ich hasse das sowieso).

Ich rufe am Montag dann die Insolvenzverwalterin an - frage was gemacht werden soll - Anweisung - Geld sofort auf Anderkonto einzahlen, sie kümmert sich darum. Mitte Mai kam dann eine Zahlungserinnerung - von wegen - Betrag offen - diese wurde dann an die Insolvenzverwalterin gefaxt - das wird schon klappen.

Dann halt der gestrige Donnerstag - Tank leer - Versicherung gekündigt. SUPER...

Ein befreundeter Geschäftsmann ruft mich an - meine Insolvenzverwalterin hat ihn kontaktiert - sie verschleudert meinen Betrieb für einen mittleren vierstelligen Betrag - Maschinenpark wurde auf 12.000 € geschätzt - gekostet hat er tatsächlich 85.000 € - interessant, wie viel Kohle man in 4 Jahren verbrennen kann. Ihm gegenüber hat die Insolvenzverwalterin gesagt, dass sie die Lohne ab Juli nicht mehr zahlen will/kann weil es kein Insolvenzgeld mehr gibt. Der Verkauf muss dann zum 01.07. statt finden.

Ich rufe im Büro an - erwische aber nur einen Sachbearbeiter. Ich frage ihn, was geplant ist - er: Betrieb wird natürlich nach dem 30.06. normal fortgeführt - Tankgeld ist raus - und Versicherung - wir haben NIE eine Mahnung etc. von Ihnen erhalten - aber sie dürfen das Fahrzeug nicht mehr fahren, bis das geklärt ist.

Ich habe heute schon einen Kunden nicht bedienen können, weil ich nicht hinfahren konnte.

Montag ist noch schwieriger - wenn das das Auto nicht verfügbar ist, können 3 Kunden nicht bedient werden.

Ich kann momentan gar nicht so viel essen, wie ich kotzen will. Ich finde es einfach heuchlerisch, dass mir gegenüber die Strategie - "Alles wird gut" verfolgt wird, und anderen Geschäftspartnern gegenüber gesagt wird, dass der Betrieb zum 01.07. verkauft wird. Wann will sie mir das denn sagen? Wie soll ich meine Kunden bedienen? Am Montag sind das recht wichtige Kunden die ich bedienen muss - die bringen schon echt viel Geld in die Kasse.

Warum wird mir gegenüber gesagt, dass ich meine Buchführung aktuell halten muss, aber der Kontostand des Anderkonto wird mir vorenthalten - woher soll ich wissen, welche Kunden gezahlt haben, und welche nicht.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich gerade ganz viel Lust habe zu heulen...

Bankquest
14.06.2014, 07:29
Ich kann mir das zu gut vorstellen. Mir hat der Insolvenzverwalter auch gesagt das ich den Betrieb weiterführen kann. Ich habe dankend abgelehnt, keine Chance das ich fremdgesteuert arbeite.
Ich habe dann einen anderen Weg gefunden ohne das mir der gute Mann reingeredet hat, wobei ich noch mal sagen möchte das der Betrieb mehr als rentabel war nur das FA hat sich reichgerechnet.

Selbständig74
29.06.2014, 01:12
Nun sind schon wieder 14 Tage seit dem letzten Posting vergangen.

Diese 14 Tage hatten es in sich gehabt.

Neues Personal durfte nicht eingestellt werden, bestehendes Personal ist gegangen - wer hat den ganzen Kram alleine machen müssen - ich. Dazu dann noch der nette Hinweis vom Insolvenzverwalter: "Warum sind Sie eigentlich nie im Büro erreichbar" - Antwort: "Weil ich gerade 3 Personen ersetze, und probiere die Kunden zu halten."

Der Verkauf, und damit die übertragende Sanierung ist letztendlich gescheitert, weil die Insolvenzverwalterin sich gesperrt hat, eine Dauerkrankmachende Person zu entlassen. Sie hätte den Betrieb zwar grundsätzlich ab dem 01.07. frei gegeben, aber dann wäre die Frage gewesen - wie ich den 1. Monat überbrücken soll. Kein Sprit in den Tanks, zum Monatsende die Krankenkassenbeiträge wären nicht zu stemmen gewesen etc. Und - die letzten 14 Tage haben echt extrem viel Kraft gekostet.

Ich habe dann am Freitag meinen Mitarbeitern mitgeteilt, dass der Betrieb zum 30.06. abgewickelt wird.

Vor Insolvenzeröffnung hat mir jeder bescheinigt, dass es doch eigentlich gar nicht so schlecht läuft - alles wird gut blabla. Hätte ich den Kenntnisstand im April bei Insolvenzeröffnung schon gehabt, hätte ich gleich gesagt - dicht machen. Letztendlich hätte es mir dann noch mal 25.000 € Lohnkosten erspart, die zwar erst mal über das Insolvenzgeld abgedeckelt waren, aber nun logischerweise zur Tabelle angemeldet werden.

Ich werde den Juli nutzen, um erst mal ein wenig runter zu kommen - und so wie es aussieht, habe ich einen lukrativen Job ab 08/2014. Wenn nicht - dann schauen wir mal.

FinLaure
30.06.2014, 07:47
und so wie es aussieht, habe ich einen lukrativen Job ab 08/2014

Da drücke ich mal fest die Daumen, dass es nicht nur so aussieht, sondern auch tatsächlich so sein wird. Wenn es wirklich so war, wie Du geschrieben hast, bist Du leider ein Beispiel dafür, was wildgewordene Insolvenzverwalter in kürzester Zeit zerstören können...

Zaphod Beeblebrox
30.06.2014, 08:44
Wenn es wirklich so war, wie Du geschrieben hast, bist Du leider ein Beispiel dafür, was wildgewordene Insolvenzverwalter in kürzester Zeit zerstören können...

Das mag sein. Aber sicherlich auch dafür, dass man eine Planinsolvenz nicht ohne entsprechenden Plan und Vorbereitung angehen sollte. Das scheint hier wohl doch ein wenig hopplahopp gegangen zu sen.

Selbständig74
30.06.2014, 16:07
Ich habe ein paar Eckdaten bereits festgehalten - wie ich mir eine Planinsolvenz vorstelle. Vorher hatte ich versucht einen entsprechenden Fachanwalt zu finden - aber irgendwie waren hier in der Stadt alle für das Thema Planinsolvenz nicht zu begeistern.
Letztendlich hat mir die Schuldenberatung gesagt, dass ich mit DER Insolvenzverwalterin zusammen garantiert eine Planinsolvenz machen kann - das Gleiche wurde mir von einem befreundeten Rechtspfleger gesagt.

Aber - nach meiner Meinung hat sie die Dame im Vorfeld nicht mit dem Material beschäftigt, was ich eingereicht habe. Letztendlich habe ich nach Eröffnung des vorläufigen Verfahrens noch mal ein 10 seitiges Pamphlet nachgereicht, warum meiner Meinung nach der Laden sanierungswürdig ist, welche Positionen geändert werden müssen, um lukrativer zu arbeiten etc.
Aber auch hierauf gab es keine Reaktion. Vielleicht hätte ich mehr Druck machen müssen - aber auf der anderen Seite waren da auch die Kunden gewesen, die ich probiert habe bei der Stange zu halten.

Nun ja - letztendlich habe ich jetzt auch Ruhe vor dem ganzen Zirkus.

Zaphod Beeblebrox
02.07.2014, 08:35
Letztendlich hat mir die Schuldenberatung gesagt, dass ich mit DER Insolvenzverwalterin zusammen garantiert eine Planinsolvenz machen kann - das Gleiche wurde mir von einem befreundeten Rechtspfleger gesagt. Haben die auch gesagt, dass die Verwalterin den Plan dann selber erstellen wird? Aber auch so eine mutige Aussage. Bei einem Gewerbe wir dem Ihren gibt es für den IV doch gar keinen Grund, selber einen Plan zu erstellen. Das kostet nur Zeit, Mühe und beschert ggf. noch Haftungsrisiko. Mit i.d.R. schlechten bis zweifelhaften Erfolgsaussichten. Da wickelt man den Laden lieber ab, oder versucht eine übertragende Sanierung. Was bei stark personenabhängigen Einzelunternehmen meist gar nicht geht.


Letztendlich habe ich nach Eröffnung des vorläufigen Verfahrens noch mal ein 10 seitiges Pamphlet nachgereicht, warum meiner Meinung nach der Laden sanierungswürdig ist, welche Positionen geändert werden müssen, um lukrativer zu arbeiten etc.
Aber auch hierauf gab es keine Reaktion. Vielleicht hätte ich mehr Druck machen müssen - aber auf der anderen Seite waren da auch die Kunden gewesen, die ich probiert habe bei der Stange zu halten.

So ein Pamphlet ist noch kein Insolvenzplan. Der muß bestimmte Formvorschriften beachten und hat vorgegebene Mindestinhalte.

Wenn überhaupt, dann muß die Initiative in solchen Fällen vom Schuldner kommen. Aber der hat meist halt kein Geld mehr für die Planerstellung. Und in Ihrem Fall wohl auch keine Zeit.

Selbständig74
02.07.2014, 20:17
Ich bin ja nun an Tag 2 NACH der Betriebsschließung. Es war wohl gar nicht mal so die schlechteste Idee. Meine ehemaligen Angestellten konnte ich größtenteils bei anderen Firmen unterbringen - ebenso alle anderen Kunden.

Ich selbst habe diesen Monat einen 451 €-Job - sprich - sozialversicherungspflichtig.

Es mag gut sein, dass ich falsch an das Thema Planinsolvenz herangegangen bin - vielleicht wurde ich da auch einfach falsch bis gar nicht beraten.

Letztendlich - abwarten, was jetzt die nächsten 6 Jahre für mich bringen.