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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fiktives Einkommen bei ungelerntem UG-Geschäftsführer



neuanfang2020
22.04.2014, 12:10
Soweit ich informiert bin, wird bei einem Insolvenzschuldner, der sich in der WVP mit einer 1-Mann-UG selbständig macht, also in seiner eigenen Firma als Geschäftsführer angestellt ist, ein fiktives Einkommen zugrunde gelegt, welches dann an den Treuhänder abzuführen ist.

Bei mir besteht die Besonderheit, dass ich über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfüge. Ich werde jetzt 40 Jahre alt und war viele Jahre als Einzelunternehmer mit einem Internethandel selbständig (bin seit 2007 pleite). Ich habe zwar Abitur, aber habe in jugendlicher Naivität mein BWL-Studium wegen des seinerzeit gut laufenden Geschäfts abgebrochen. Es gab ja Anfang des Jahrtausends eine allgemeine Goldgräberstimmung in Sachen Internethandel und da wollte ich nicht länger in der Uni rumsitzen, sondern das große Geld verdienen. Aus heutiger Sicht war das natürlich ein Fehler.

Aus Bequemlichkeit lief der Laden natürlich nur mit einer einfachen Gewerbeanmeldung, so dass ich nun privat auf den Verbindlichkeiten sitze und in die Regelinsolvenz gehen werde.

Ich habe mir nun überlegt, unmittelbar nach Beginn der WVP eine UG zu gründen und wieder eine ähnliche Tätigkeit wie früher auszuüben, natürlich unter Vermeidung von früheren Fehlern (und der erste Schritt hierzu ist die Haftungsbeschränkung).

Wie würde sich dann das fiktive Einkommen berechnen, wenn ich auf dem Arbeitsmarkt allerhöchstens 1000 Euro netto verdienen könnte (denn leider zählen ja in Deutschland nur Zeugnisse und nicht die tatsächlichen Fähigkeiten einer Person)?

Gibt es da überhaupt verbindliche Regeln oder ist das vom Ermessen des TH abhängig? Wer kennt Beispiele aus der Praxis?

Danke und Gruß
M.

imperator
22.04.2014, 14:41
Moin,
ganz so aalglatt und locker wie Du dir das vorstellst, verläuft es meistens nicht.
Bis Du die WVP erreichst kann es noch einige Jahre dauern, vielleicht erreichst Du sie aber auch gar nicht in deinem Verfahren. Kommt eher selten vor, aber immerhin.
Lies dich hier mal im Forum zu deinem Thema etwas näher ein. Insbesondere der User EXBERLINER hat viel Wissenswertes zum Thema "Klärung des fiktiven Einkommens" geschrieben, dazu gibt es noch auf der Startseite des Forums den berühmten § 295(2) Inso.
Vieles hängt von deiner Gläubigerstruktur ab und es lässt sich nichts 100% vorhersehen. Du mußt auch nicht unbedingt bis zum Beginn der WVP warten, um wieder selbstständig zu sein. Man kann auch wieder als Einzelunternehmer starten wenn man die steuerrechtlichen und haftungsrechtlichen Spielregeln beachtet.
Es gibt meistens mehrere Lösungen - hängt auch davon ab, was konkret Du machen willst.

neuanfang2020
22.04.2014, 16:18
Danke für die Infos, aber der § 295 und einige Foreneinträge waren mir schon bekannt. Ich habe jedoch nirgendwo was dazu gefunden, wie ein ungelernter Schuldner behandelt wird. Das Gesetz spricht ja von "angemessenem Dienstverhältnis", was wohl einer 40-Stunden-Woche im gelernten Beruf entspricht. Daher wird immer davon ausgegangen, dass der Schuldner irgendwann in seinem Leben mal einen Beruf erlernt hat, und dann wird geschaut, was z.B. ein Dachdecker in einer bestimmten Region durchschnittlich verdienen könnte usw. Aber selbst mit dem neuen Mindestlohn (der dazu führen wird, dass weniger Menschen eingestellt werden) dürfte man mit irgendwelchen anspruchslosen Hilfstätigkeiten heutzutage kaum ein Nettoeinkommen von über 1.000 Euro erwirtschaften, wenn man überhaupt nach zig Bewerbungen mal eine Arbeit findet. Andererseits habe ich trotz "Ungelerntsein" früher in meiner Selbständigkeit in den besten Zeiten durchaus einen Jahresnettogewinn im sechsstelligen Bereich eingefahren, aber das ließe sich wohl kaum im Rahmen eines "Dienstverhältnisses" realisieren.

Grundsätzlich kann ich mir nicht vorstellen, dass die Eigeninitiative eines Ungelernten, sich selbständig zu machen, dadurch "bestraft" wird, dass ein recht hohes fiktives Einkommen (sagen wir 2.000 - 3.000 Euro) unterstellt wird. Dann würde es sich ja lohnen, in der WVP weiterhin brav "Jobcenter-Kunde" zu bleiben, am besten noch ohne Auto und somit mit minimalsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Darauf würde es bei mir nämlich hinauslaufen, wenn ich jetzt schon wüsste, dass das fiktive Einkommen willkürlich und womöglich völlig realitätsfremd festgelegt werden könnte.

Zaphod Beeblebrox
22.04.2014, 16:25
Haben Sie unterhaltsberechtigte Personen?

neuanfang2020
22.04.2014, 16:28
Ja, ein nicht eheliches Kind, 11 Jahre.

Zaphod Beeblebrox
22.04.2014, 16:43
Ja, ein nicht eheliches Kind, 11 Jahre.

Dann könnten Sie netto lt. Pfändungstabelle 1.439,99 € pfändungsfrei verdienen. Das entspricht brutto (bei KiSt-Pflicht) 2.132 €. Je nach Region in der Sie leben könnten Sie das als ungelernter nie und nimmer verdienen.

Grundsätzlich legen Sie die Höhe des fiktiven Nettoeinkommens selber fest. Wenn Sie der Meinung sind, Sie könnten als Angestellter aufgrund Ihrer Fähigkeiten 2 T€ verdienen, dann führen Sie nix an den IV ab. Ihr Risiko besteht dann darin, dass irgend ein Gläubiger einen Versagungsantrag stellt, mit der Begründung, Sie hätten etwas abführen müssen. Darüber entscheidet im Zweifel dann das Gericht. Der Gläubiger muß seinen Versagungsantrag aber glaubhaft machen. D.h., er müßte darlegen, dass Sie trotz fehlender Ausbildung und Marktkompatibilität (wer stellt einen ungelernten 40jährigen ein, der nie als Angestellter gearbeitet hat sondern immer selbständig war) i.R. eines fiktiven Anstellungsverhältnisses zumindest die Möglichkeit gehabt hätten, pfändbares Einkommen zu erwirtschaften. Das dürfte jedem Gläubiger schwer fallen.

Ein Risiko bleibt aber. Das nimmt Ihnen keiner ab, auch kein IV mit dem Sie irgendwas vereinbaren. Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen und Ihr Betrieb das hergibt, dann führen Sie freiwillig mtl. 200 € ab. Das entspräche einem fikitven Pfändungsnetto von ca. 1.850 € und damit einem Bruttogehalt von ca. 2.900 €. Wenn sie das verdienen könnten, würden Sie es vermutlich machen.